Chronik ...

2010

Selbshilfegruppe und überschewängliches Tanken

Der Flughafen in Basel ist recht klein und beschaulich. Die meisten Maschinen, die dort landen sind auch klein und rollen direkt bis zum Terminal. Also sitzt man nur wenige Meter entfernt vom Flugzeug, wartet und kann das Treiben am Flugzeug beobachten.

Am letzten Donnerstag kam wie immer die Maschine aus Düsseldorf. Alle steigen aus, der Tankwagen und der Catering-Wagen kommen. Irgendwann macht der Pilot seine Runde ums Flugzeug und bleibt auffällig lange unter Maschine hocken. Als nächstes holt er seinen Kollegen und beide bleiben immer noch verdächtig lange unter der Maschine. Das kann natürlich nichts Gutes bedeuten, aber der Überbringer schlechter Nachrichten sollte immerhin gut gekleidet sein. Also holt der Pilot noch schnell Mütze und Uniform-Jacke aus dem Flugzeug und kommt dann ins Terminal.

“Das Flugzeug verliert Kerosin”, lautet die schlechte Nachricht und es ist unklar, ob wir überhaupt noch starten. Zwar ist ein Techniker auf dem Weg, aber ob der sich mit dieser Maschine auskennt?

Soweit so schlecht. Der Techniker kommt und er und die Piloten sitzen nun gemeinsam unter der Maschine. Danach vermeldet der Pilot (dieses Mal ohne Uniform), dass man auf den Akkuschrauber wartet, damit man sich die Sache genauer angucken kann.

Etwas später kommt ein weitere Techniker mit dem Akkuschrauber und man sitzt zu viert unter der Maschine. Aber so eine Selbsthilfegruppe kann nicht gross genug sein, also kommt immer mal wieder jemand zum Stelldichein unter die Maschine. Die Feuerwehr kam als letztes, was bei austretendem Kerosin vielleicht etwas bedenklich ist.

Das Ende von der Geschichte ist aber ein Gutes. Der Pilot verkündet, dass es sich um einen Überlauf gehandelt hat und dass der Tankwagen wohl zu viel Kerosin in die Maschine gepumpt hätte. Und so kamen wir doch noch mit 2 Stunden Verspätung aus Basel weg.

Eyjafjallajökull

Bis zum 15. April 2010 haben die meisten wohl noch nie von Eyjafjallajökull gehört. An diesem Tag will ich von Wien nach Düsseldorf fliegen, was inklusive aller Warte und Fahrzeiten 4-5 Stunden dauert. Dank des Vulkans hat es 24 Stunden gedauert und es ist Zeit für den ersten Reisebericht in dieser Chronik.

Fast geschafft

Am Nachmittag des 15. April fragt mich ein Kollege, ob ich mir nicht Sorgen um meinen Heimflug machen würde, denn es hätte einen Vulkanausbruch gegeben. In Europa soll ein Vulkanausbruch verhindern, dass ich von Wien nach Düsseldorf komme? Das klang absurd, aber nachdem er nicht locker ließ, habe ich auch mal im Internet nachgeschaut. Ja, da war ein Vulkan in Island ausgebrochen und der Flugverkehr in England und Skandinavien war zum erliegen gekommen. Trotzdem kein Grund zur Panik, denn AirBerlin, Start- und Zielflughafen behaupteten, dass mit meinem Flug alles glatt laufen würde.

Also mache ich mich wie jeden Donnerstag um 18 Uhr auf den Weg zum Flughafen und sitze um 20 Uhr im Flugzeug. Und hätten wir nicht noch auf 5 Passagiere warten müssen, wären wir vielleicht sogar noch gestartet. So, warten wir aber in der Maschine auf die Nachzügler, als auf einmal eine Durchsage ankündigt, dass der Flughafen Düsseldorf geschlossen ist und wir zurück zum Gate müssen.

Informationspolitik

Im Bus zum Gate wollte ein Herr einen Mietwagen und eine Fahrgemeinschaft organisieren. Aber ich hatte noch Hoffnung, dass unsere Fluggesellschaft bestimmt einen Plan hat. Am Gate kam die Ernüchterung. Der Pilot hatte versprochen, dass es hier Informationen geben würde, aber die Mitarbeiter von AirBerlin hatten keine Ahnung und schicken uns zu Ihren Kollegen in der Schalterhalle. Dort erwartet mich eine lange Schlange, in die ich mich brav einreihte und wartete.

Es gab keine Durchsage, die irgendetwas geklärt hatte. Als Notfallplan bitte ich meine Mitbewohnerin schon mal eine Zugverbindung rauszusuchen und warte:

  • 20 Minuten: Die erste offizielle Äusserung wird in Form eines Flyers von den Wartenden durch die Schlange gereicht. Der Flyer erklärt, dass wir aufgrund einer Aschewolke fest sitzen. Des Weiteren wird eine Hotline genannt und darauf hingewiesen, dass wir gratis stornieren und umbuchen können. Alles in allem also nicht hilfreich.
  • 25 Minuten: Andere Reisende haben ein Großraumtaxi aufgetan, welches 8 Leute für € 300,- pro Person nach Düsseldorf bringen würde. Der Gedanke mit einem übermüdeten Taxifahrer 9-10 Stunden durch die Nacht zu fahren war wenig attraktiv.
  • 35 Minuten: AirBerlin-Mitarbeiter rufen den Flug nach Köln aus. Der Flug findet auch tatsächlich noch statt. Leider ist zu diesem Zeitpunkt noch zuviel Schlange zwischen mir und dem Schalter. Also keine Chance umzubuchen.
  • 40 Minuten: An den Check-In-Schaltern verliert eine Frau die Nerven und schreit eine Check-In-Frau an. Es ist aber auch etwas frustrierend, dass man in einer langen Schlang für einen Schalter mit drei Leuten wartet, während 10 Check-In-Menschen sich langweilen. Diese könnten ja mal die Schlange ablaufen und die dringlichsten Fragen klären.
  • 55 Minuten: AirBerlin realisiert meinen Vorschlag und schickt die Mitarbeiter zur Aufklärung in die Schlange. Bis sie bei mir sind dauert es noch 5 Minuten.
  • 60 Minuten: Ich erfahre, dass mein Flug (planmäßiger Abflug 20:15) nur verschoben ist und am nächsten Tag um 6:00 als erste fliegt. Mein Gepäck, dass ich noch nicht abgeholt hatte, würde wieder eingeladen und ich müsse nur bis 5:15 die Zeit totschlagen. Jetzt war es gerade 22 Uhr.

Es waren noch 15-20 Minuten Schlange vor mir, aber die Möglichkeit um 6:00 abzufliegen war attraktiv genug, so dass ich die Schlange verließ.

Eine Nacht in Absurdistan

In der Schlange hatte ich Carsten kennengelernt, der schlägt vor erst einmal im Flughafen Hotel ein Bier zu trinken und nach einem Zimmer zu fragen. Das Hotel ist natürlich ausgebucht und es sind jetzt noch 7 Stunden bis zum Boarding. Die nächsten aussichtsreichen Hotels sind so weit weg, dass man eh nur 4 Stunden Schlaf bekommen würde. Also entschliessen wir uns für eine Nacht am Flughafen.

Die Hotelbar war von den zwei angetrunkenen Reisegruppen bevölkert, die ich schon im Flugzeug gerochen hatte. Es ist wahnsinnig laut, aber das Hotelrestaurant ist schön leer und so lassen wir uns erst einmal dort nieder. Um 23 Uhr machte die Küche zu und wir begeben uns in das McCafé im Flughafen. Dort sitzen oder schlafen schon etliche Mitreisende. Jede Fläche, die nicht der Fußboden und lang genug zum Liegen ist, ist belegt. Also gibt es zunächst nur unbequeme Plätze für uns, aber gegen Mitternacht können wir zwei Sessel organisieren, in denen man zumindest dösen konnte.

Zeit die Nachbarn kennen zu lernen

Recht von uns hat sich ein Paar eine lange gepolsterte Bank geschnappt und schläft dort die gesamte Nacht Kopf an Kopf. Daneben haben sich zwei Mädchen eine Sesselburg gebaut. Die beiden sind schon seit Mittag am Flughafen, da sie keine Lust mehr hatten im Regen durch Wien zu laufen. Dummerweise haben Sie nicht versucht auf einen früheren Flug umzubuchen.

Zur Linken war etwas mehr los. Ein Geschäfstreisender sitzt die ganze Nacht vor seinem Notebook und holt sich jede Stunde zwei Dosen Bier. Ein älterer Herr sitzt mit Sonnenbrille und Kapuze regungslos in einem Sessel. Dann war da noch der Herr, der irgendwann von einem Spaziergang im Flughafen mit einem Rollstuhl zurückkommt. Damit überrascht er erst einmal seine bessere Hälfte und dreht dann ein paar Runden um unsere Gruppe.

Wirklich schlafen kann in einem McCafé-Sessel nicht. Nicht nur ist der Sessel unbequem, sondern auch das Ambiente stört den gesunden Schlaf. Alle paar Minuten piept irgendein Küchengerät, damit es vom Personal nicht vernachlässigt wird. Irgendwann hatte ich mich aber mit all dem abgefunden und döste vor mich hin, als ein neues Geräusch die Bühne betrat: “Klipp!”

Im Halbschlaf suchte ich die Quelle und sah in einer Gruppe einen Mann seine Fingernägel schneiden. In einem “Restaurant” um 2 Uhr Nachts die Nägel zu schneiden hat mich schon beeindruckt. Also Augen wieder zu und weiter dösen. Leider hört das Geräusch nicht auf und irgendwann wird klar, dass kein Mensch so viele Finger hat. Zur Bestätigung öffne ich die Augen und ja, er ist bei seinen Fußnägeln angekommen! Ein paar Minuten später folgt zum Abschluss ein neues Geräusch: Er wischt die Überreste seines Körpers von Kleidung und Sessel...

Auf der Jagd nach dem Gepäck

Gegen 4 Uhr wird der versprochene Flug nach Düsseldorf abgesagt. Jetzt ist klar, dass es keinen Sinn macht weiter am Flughafen zu warten. Da ich noch mein Gepäck holen will und Carsten keines aufgegeben hatte, trennen sich hier unsere Wege. Während er zum Bahnhof verschwindet, gehe ich in die Schalterhalle.

Um 4:45 ist die Warteschlange wieder so lang wie am Vortag. Also schnappe ich mir den nächsten unbeschäftigt aussehenden AirBerlin-Check-In-Menschen, damit er mir erklärt, wie ich an mein Gepäck komme. Und das geht in Wien wie folgt: In dem Gang, mit den Autovermietungen, gibt es eine Drehtür-Schleuse. Daneben ist ein Zettel und ein Telefon. Auf dem Zettel die Nummer für AirBerlin suchen, anrufen, sein Anliegen schildern und warten bis jemand kommt.

An der Drehtür fand ich den Zettel und zwei Nummern für AirBerlin. Diese rief ich immer im Wechsel an und lies es lange schellen. Niemand geht ran. Irgendwann kommen weitere Reisende und wir wechseln uns beim klingeln ab. Die besagte Drehtür ist eine Schleuse für die Mitarbeiter der Gepäckabteilung. Andauernd kommen Leute, legen ihren Flughafenausweis auf einen Sensor und verschwinden in der Schleuse. Leider erscheint nie ein AirBerlin-Mitarbeiter oder sonst jemand, der uns helfen kann.

Um 5:45 wird es mir zu bunt. Nachdem sich niemand am Telefon meldet und keiner auftaucht, der Ahnung hätte, schnappe ich mir meine Bordkarte vom Vortag und versuche über den Abflugbereich zu den Gepäckbändern durchzukommen. Dort ist es menschenleer und zwischen den Bändern stehen einzelne Kofferinseln. In einer die Inseln finde ich meine Tasche, schnappe sie mir und flüchte aus dem Flughafen!

Zug um Zug

Also auf zum CAT, der schnellsten aber auch teuersten Möglichkeit den Flughafen per Bahn zu verlassen. Das Ziel ist der Westbahnhof, denn laut Internet starten dort alle Fernzüge nach Deutschland. Mit meinem Gepäck kann ich dann im CAT auch endlich die Notfall-Morgen-Toilette hinter mich bringen und der Schaffner erklärt mir, wie ich umsteigen muss, damit ich den Westbahnhof erreiche.

Am Westbahnhof angekommen, erkenne ich einen Herrn, der heute schon mit mir auf das Gepäck gewartet hat. Er heisst Christoph und muss auch nach Düsseldorf. Also gehen wir zusammen zum Schalter, wo wir auf Carsten treffen. Er hatte leider keinen Schaffner gehabt, der das Umsteigen erklärt und sich prompt verfahren.

Nach nur 20 Minuten warten sind wir dann gegen 7:00 endlich dran. Die ÖBB-Mitarbeiterin schockt uns kurz, da die nächste Verbindung, die nicht ausgebucht ist, erst um 12:40 losfahren würde. Sie gibt uns aber vorsorglich Fahrscheine mit denen wir jeden Zug nutzen können, macht uns aber wenig Hoffnung: “Es wird so voll sein, dass man Sie nicht in den Zug lässt”, mahnt Sie uns.

Der nächste Zug geht um 8:40 und da wir Hunger haben und mitten in der Stadt sind, suchen wir ein Kaffeehaus. Wir werden recht schnell fündig und das Lokal ist wirklich beeindruckend. Die Kellner laufen mit Fliege rum, der Raum ist mindestens 5 m hoch und seit Kaisers Zeiten nicht mehr renoviert worden. Alles in allem ein sehr schöner Ort, an dem man für kleines Geld auch gut frühstücken kann.



Nach einem “kleinen Frühstück” breche ich mit gefülltem Magen auf, um den Zug zu erwischen. Meine Mitstreiter haben sich leider abschrecken lassen und glauben nicht, dass man noch einen Platz bekommt. Sie wollen es erst um 10:40 probieren. Aber ich will so schnell wie möglich weg und so heisst es Abschied nehmen.

Der Zug ist voll, aber ich bekomme einen Platz, der erst ab Regensburg reserviert ist. Vor mir liegen 7 Stunden Zugfahrt nach Frankfurt, 10 Minuten nach Frankfurt Flughafen, 1 Stunde nach Köln und 1 Stunde nach Essen. Die Zugfahrt ist ereignislos. Aber seit dem Frühstück im Kaffehaus, ist das Glück auf meiner Seite: In Regensburg erscheint kein Fahrgast, der meinen Platz haben möchte. Auch in den anderen beiden Zügen, mit denen ich etwas länger fahre, bekomme ich immer einen Sitzplatz.

Um 18 Uhr komme ich in Essen an, esse noch eine leckere Lasagne und falle für 12 Stunden in Koma.

Aber bitte nicht hier...

Es begab sich gestern am Flughafen. Genauer im Fahrstuhl, in dem ich mit einem Kollegen und zwei Fremden fuhr. Wir hatten vergessen den Knopf für unsere Etage zu drücken und als ich dies nachholte meinte mein Kollege zu den anderen beiden:

“Entschuldigen Sie, dass wir sie ausbremsen.”

Worauf der eine Fremde antwortete: “Kein Problem, wir sterben eh früher oder später.”

“Aber bitte nicht hier!”, entgegnete der andere Fremde und ich bin immer noch sprachlos, wie absurd das Leben manchmal ist.

... des laufenden Wahnsinns